Was ich für Unruhe hielt, war in Wahrheit Respekt

Warum wir das Verhalten hochsensibler Kinder manchmal falsch deuten

Sascha ist mir bis heute in besonderer Erinnerung geblieben. Mit seinen langen dunklen Haaren, seiner braunen Haut und seinen wachen Augen nahm er aufmerksam wahr, was um ihn herum geschah. Ihm entging kaum etwas, das für ihn von Bedeutung war.

Wichtige Dinge besprach ich mit meinen Schülern immer im Kreis. Ob wir einen Konflikt klärten, neuen Schulstoff erarbeiteten oder uns im Klassenrat trafen – alles Wesentliche geschah in dieser Runde. Sascha hatte dabei eine besondere Angewohnheit: Er rutschte regelmässig von seinem Stuhl und setzte sich auf den Boden. Meist war er das einzige Kind, das dort sass. Sein Verhalten irritierte mich. Immer wieder ermunterte ich ihn freundlich, sich doch bitte wieder auf seinen Stuhl zu setzen. Für mich gehörte es damals einfach dazu, dass im Kreis alle Kinder auf ihren Stühlen sassen.

Ein Elterngespräch veränderte meinen Blick

In der ersten Klasse führte ich Elterngespräche, jedoch noch keine mit Noten verbundenen Zeugnisse. Neu bot ich an, die Gespräche auch bei den Eltern zu Hause zu führen. Viele Familien nahmen dieses Angebot dankbar an – so auch Saschas Eltern.

Seine Mutter stammte von den Philippinen, sein Vater war Schweizer.

Bei meinen Hausbesuchen erlebte ich oft eine beeindruckende Gastfreundschaft. Die Gespräche wurden persönlicher, und ich erhielt wertvolle Einblicke in das Leben meiner Schülerinnen und Schüler. Ich begegnete den Kindern in ihrer vertrauten Umgebung und entdeckte dabei manchmal Seiten an ihnen, die mir im Schulzimmer verborgen geblieben waren.

Auch Saschas Eltern empfingen mich herzlich. Wir sassen gemeinsam auf dem Sofa, und als ich meine Notizen hervorholte, setzten sich Sascha und seine Mutter auf den Boden.

Ich war überrascht.

Dann erfuhr ich, dass es in der Familie seiner Mutter Tradition war, bei wichtigen Gesprächen auf dem Boden zu sitzen. Auf diese Weise schenkten sie der sprechenden Person ihre ungeteilte Aufmerksamkeit.

Plötzlich verstand ich Sascha.

Wenn er sich während unserer wichtigen Gesprächsrunden auf den Boden gesetzt hatte, war er weder unruhig noch unaufmerksam gewesen. Im Gegenteil: Er hatte mir auf seine Weise gezeigt, dass er ganz bei der Sache war.

Sein Verhalten, das mich so oft irritiert hatte, war ein Zeichen von Respekt.

Ich hatte sein Verhalten beurteilt, ohne es zu verstehen

Ich entschuldigte mich bei Sascha dafür, dass ich ihn immer wieder auf seinen Stuhl geschickt hatte. Dann setzte ich mich ebenfalls auf den Boden.

Das Gespräch verlief in einer warmen und vertrauensvollen Atmosphäre. Für mich war dieses unerwartete neue „Setting“ eine bereichernde Erfahrung - und eine wichtige Lektion.

Ohne den Besuch bei Saschas Familie hätte ich vielleicht nie erfahren, was sein Verhalten wirklich bedeutete. Ich hätte weiterhin versucht, es zu korrigieren, obwohl es gar nichts zu korrigieren gab.

Sascha war ein hochsensibler und für sein Alter sehr reifer Junge. Er beobachtete genau, nahm vieles wahr und handelte oft verantwortungsbewusster als andere Kinder seines Alters. Gerade bei fein wahrnehmenden Kindern lohnt es sich, genauer hinzusehen, bevor wir ihr Verhalten bewerten.

Doch diese Erfahrung betrifft nicht nur hochsensible Kinder. Jedes Kind bringt seine eigene Familiengeschichte, seine Erfahrungen, Werte und Rituale mit. Was für uns ungewöhnlich aussieht, kann für das Kind vollkommen selbstverständlich und sinnvoll sein.

Kinder bewegen sich zwischen verschiedenen Welten

Viele Kinder erleben zu Hause andere Regeln und Gewohnheiten als in der Schule. Sie versuchen, beiden Welten gerecht zu werden.

Wenn wir Erwachsenen diese Unterschiede nicht kennen, kann es schnell zu Missverständnissen kommen. Wir halten ein Kind vielleicht für unhöflich, verträumt, unruhig oder widerspenstig. Dabei wissen wir noch gar nicht, was hinter seinem Verhalten steckt.

Manchmal genügt eine einfache, offene Frage:

„Wie macht ihr das bei euch?“

Eine solche Frage bewertet nicht. Sie lädt zum Erzählen ein und zeigt dem Kind: Deine Welt interessiert mich.

Wir müssen nicht alle kulturellen und familiären Traditionen kennen. Aber wir können neugierig bleiben. Wir können nachfragen, zuhn und bereit sein, unsere erste Einschätzung noch einmal zu überdenken.

Was ich aus dieser Begegnung mitgenommen habe

  • Ein Verhalten hat nicht immer die Bedeutung, die wir ihm geben.
  • Was uns irritiert, kann für ein Kind selbstverständlich und sinnvoll sein.
  • Nachfragen und echtes Interesse helfen mehr als vorschnelle Korrekturen.
  • Eine Entschuldigung nimmt Erwachsenen nichts von ihrer Autorität – sie schafft Vertrauen.
  • Manchmal versucht ein Kind gerade, alles richtig zu machen, nur auf seine eigene Weise.

Sascha hat mir gezeigt, wie schnell wir ein Kind missverstehen können, wenn wir nur von unserer eigenen Welt ausgehen.

Bevor wir ein Verhalten korrigieren, lohnt es sich deshalb, einen Augenblick innezuhalten und zu fragen:

Wie sieht diese Situation wohl durch die Augen des Kindes aus?

Verstehen beginnt oft genau dort, wo wir aufhören, vorschnell zu urteilen.

Möchtest du dein hochsensibles Kind besser verstehen?

Hinter dem Verhalten eines Kindes steckt oft mehr, als wir auf den ersten Blick erkennen. Auch Geschichten können uns helfen, die innere Welt hochsensibler Kinder besser zu verstehen.

Mit meiner kostenlosen Sina-Mia-Geschichte erhältst du zusätzlich meinen Newsletter mit persönlichen Geschichten, Gedanken und praktischen Anregungen für den Alltag mit hochsensiblen Kindern.

Über die Autorin

Antonia Müller

Ich heisse Antonia Müller. Ich wohne in der Ostschweiz in der Nähe von St.Gallen und dem Bodensee. Ich selber wie auch meine Kinder sind hochsensibel. Als Lehrerin habe ich über dreissig Jahre mit hochsensiblen Kindern gearbeitet. Es ist mir ein Herzensanliegen, dass Kinder unbeschwert und ohne Druck aufwachsen dürfen. Hochsensible Kinder haben ein Anrecht darauf zu lernen, wie sie ihre Gabe der Hochsensibilität sinnvoll und kreativ in ihr Leben integrieren können.

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