Mit dem Schulthek in der Hand — wenn Gefühle bei hochsensiblen Kindern überlaufen

Ausgangssituation

“Achtung Frau Müller- Aufpassen!” In letzter Sekunde konnte ich mit ausgestreckten Armen den Fall eines Schultheks (Schultasche) auf meinen Kopf verhindern. 

Ich stand vor Matthias, einem kleinen Drittklässler, der mich mit bebenden Lippen und völlig aufgebrachtem Blick ansah. Ich hielt ihn fest und spürte seinen zitternden Körper. Zusammen gingen wir in die Ecke des Schulzimmers, wo unser Sofa stand. “Bleib hier, wir reden gleich zusammen”, forderte ich ihn auf. 

Die anderen Kinder schauten mich fassungslos und erschrocken an. “Ich glaube, Matthias hat ein grösseres Problem, das wir nachher besprechen. Es ist mir ja nichts passiert. Wir werden morgen noch einmal darüber reden. Jetzt dürft ihr nach Hause gehen.” 

Ich verabschiedete mich von den Kindern und wandte mich Matthias zu, der wie ein Häufchen Elend auf dem Sofa sass. Meine Art, mich zu bewegen und zu sprechen, machten ihm Mut. Nach einer halben Stunde hatte ich folgendes Bild:

Ich wusste, dass die Eltern von Matthias sich vor kurzer Zeit getrennt hatten. Er war der Jüngste von vier Kindern und vermisste seinen Vater sehr. Nach der Erledigung seiner Hausaufgaben bat er seine Mutter, die Rechnungen nochmals zu korrigieren. Er wollte Null Fehler haben. 

Am nächsten Morgen versicherte ihm die Mutter, dass alles in Ordnung sei und so packte Matthias guten Mutes seine Hausaufgaben in seinen Schulthek. Ich  korrigierte die Aufgaben und fand bei Matthias drei Fehler. Seine Enttäuschung und sein Frust, dass seine Mutter die Aufgaben gar nicht angeschaut hatte, waren riesengross.

Er wusste nicht, was er tat. Er wollte mich nicht verletzen. Es passierte einfach. Er war untröstlich, denn er hatte mich ja gern.

Meine Gedanken

Matthias ist hochsensibel. Hochsensible Kinder haben oft einen hohen Anspruch an sich selbst. Sie wollen keine Fehler machen. Matthias war es wichtig, dass er seine Hausaufgaben gut machte. Darum bat er seine Mutter, diese zu korrigieren. Offenbar hatte sie keine Zeit dazu, wollte ihn aber nicht enttäuschen. Sie sagte ihm, es sei alles ok.

Matthias fühlte sich getäuscht. Seine Mutter hatte ihn angelogen. Er spürte nur noch die riesengrosse Wut, die in ihm aufstieg. Er setzte mich mit seiner Mutter gleich  und handelte in seiner Wut.

Ich fragte Matthias, ob ich das den Kindern aus seiner Klasse erklären dürfe. Er bejahte und so entstand ein sehr konstruktives Gespräch mit meinen Schülern über Wut, die nicht mehr kontrollierbar sein kann.

P.S. Ich hatte diesen Vorfall schon lange vergessen. Eine ehemalige Schülerin, die mit mir im gleichen Dorf wohnte, hat mir von diesem Vorfall erzählt. Er war für sie so eindrücklich, dass sie die Details noch nach dreissig Jahren wusste.

Wut braucht einen sicheren Ort

Wut ist ein Signal. Sie sagt uns, dass etwas Wichtiges nicht stimmt - dass eine Grenze überschritten wurde, dass eine Enttäuschung zu gross war, um sie einfach zu schlucken. Für hochsensible Kinder ist Wut besonders intensiv, weil sie alles intensiver erleben. Die Enttäuschung trifft tiefer, der Verrat fühlt sich grösser an, und die Gefühle kommen schneller als die Worte.

Matthias wusste in diesem Moment nicht mehr, was er tat. Die Wut hatte ihn überwältigt - nicht weil er ein schwieriges Kind war, sondern weil er ein Kind war, das zu viel auf einmal trug. Den Trennungsschmerz seiner Eltern, die Sehnsucht nach dem Vater, den hohen Anspruch an sich selbst und dazu die Enttäuschung über eine Mutter, die ihn - so empfand er es - belogen hatte.

Was in solchen Momenten zählt, ist nicht die Frage nach Schuld. Was zählt, ist ein Mensch, der standhält, der nicht wegläuft, nicht bestraft, sondern bleibt - und der sagt: Ich bin noch da, wir reden gleich.

Was hochsensible Kinder in der Wut brauchen

Hochsensible Kinder, die in Wut geraten, brauchen vor allem eines: das Gefühl, dass ihre Gefühle nicht falsch sind. Die Wut selbst ist nicht das Problem -  sie ist der Ausdruck eines Problems, das noch keinen anderen Ausweg gefunden hat.

Als Eltern und Lehrpersonen können wir ihnen helfen, indem wir ruhig bleiben, auch wenn es schwer fällt. Indem wir fragen, anstatt zu urteilen. Indem wir dem Kind Zeit geben, sich zu beruhigen, bevor wir sprechen. Und indem wir gemeinsam herausfinden, was hinter der Wut steckt — denn dort, hinter der Wut, liegt meistens ein grosser Schmerz, der gesehen werden möchte.

Matthias brauchte an diesem Nachmittag jemanden, der nicht weglief, der mit ihm auf dem Sofa sass und wartete, bis die Worte kamen. Das war alles - und es war genau genug.

Tipps für Eltern und Lehrpersonen

Wenn ein hochsensibles Kind in Wut gerät, ist es wichtig, ruhig zu bleiben - auch wenn das in solchen Momenten alles andere als einfach ist. Die eigene Ruhe überträgt sich auf das Kind und gibt ihm das Signal: Diese Situation ist handhabbar. Wir kommen da gemeinsam durch.

Hier einige Gedanken, die dabei helfen können:

Wut zulassen, ohne zu bestrafen: Wut ist ein Gefühl wie jedes andere - sie darf sein. Was nicht sein darf, ist, andere damit zu verletzen. Helft eurem Kind, den Unterschied zu verstehen: Das Gefühl ist erlaubt, der Ausdruck braucht einen sicheren Rahmen.

Hinter die Wut schauen: Hochsensible Kinder zeigen mit ihrer Wut fast immer auf etwas, das darunter liegt - eine Enttäuschung, ein Schmerz, ein unerfülltes Bedürfnis. Die Frage: „Was ist passiert, bevor du so wütend wurdest?" öffnet oft mehr Türen als jede Strafe.

Zeit und Raum geben: Ein Kind, das in Wut ist, kann nicht gleichzeitig zuhören und nachdenken. Gebt ihm Zeit, sich zu beruhigen - auf dem Sofa, in einem ruhigen Winkel, draussen in der Luft. Erst wenn der Sturm sich legt, können Worte ankommen.

Das Gespräch danach suchen: Wenn die Ruhe zurückgekehrt ist, ist das der richtige Moment für ein ehrliches Gespräch. Nicht um zu urteilen, sondern um gemeinsam zu verstehen, was geschehen ist - und was beim nächsten Mal anders sein könnte.

Die eigene Reaktion reflektieren: Manchmal lohnt es sich auch, als Erwachsener innezuhalten und zu fragen: Habe ich etwas versprochen, das ich nicht gehalten habe? Habe ich das Kind in einer schwierigen Situation allein gelassen? Kinder spüren Unaufrichtigkeit sehr fein - besonders hochsensible.

Abschliessend

Die Geschichte von Matthias hat mich noch nach vielen Jahren begleitet - nicht weil der Vorfall so dramatisch war, sondern weil er so viel gezeigt hat. Dass hinter einer explodierenden Wut meistens ein Kind steckt, das nicht mehr weiter weiss, das zu viel trägt, zu viel fühlt und keine andere Sprache mehr findet.

Eine ehemalige Schülerin hat mir diesen Vorfall nach dreissig Jahren noch einmal erzählt - so eindrücklich war er für sie. Nicht wegen der Wut, sondern wegen dem, was danach kam: ein ehrliches Gespräch, ein Sofa, ein Kind, das wieder atmen konnte.

Hochsensible Kinder brauchen keine Perfektion um sich herum. Sie brauchen Menschen, die auch dann noch da sind, wenn die Gefühle grösser sind als die Worte.

Über die Autorin

Antonia Müller

Ich heisse Antonia Müller. Ich wohne in der Ostschweiz in der Nähe von St.Gallen und dem Bodensee. Ich selber wie auch meine Kinder sind hochsensibel. Als Lehrerin habe ich über dreissig Jahre mit hochsensiblen Kindern gearbeitet. Es ist mir ein Herzensanliegen, dass Kinder unbeschwert und ohne Druck aufwachsen dürfen. Hochsensible Kinder haben ein Anrecht darauf zu lernen, wie sie ihre Gabe der Hochsensibilität sinnvoll und kreativ in ihr Leben integrieren können.

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