Hochsensible Kinder und ihre Gefühle: Warum Mia sich für Thommy vergisst
Ich hüte meine Enkelkinder einmal pro Woche und war auch gestern wieder bei Mia und Valentin. Als ich am Mittagessen kochen bin, springt plötzlich die Türe auf und ich höre eine leise Stimme sagen: "Ich bin sooo verliebt!"
Ich weiss gerade nicht so recht, ob ich jetzt reagieren darf und gehe vorsichtig nachschauen.
Die sechsjährige Mia sitzt auf dem Schuhbänklein, springt auf, als sie mich sieht, umarmt mich und strahlt. “Grosi, ich bin soooo verliebt. Es ist sooo meeega schschööön!”
Ich bin sehr gerührt, dass sie dieses starke Gefühl ausgerechnet mit mir teilt und frage sie, wer denn der glückliche sei. “Weisst du, er heisst Thommy aus meinem Kindergarten und wir haben heute Morgen abgemacht, dass wir verliebt sind. Und es ist im Fall mega stark!”
Mias älterer Bruder Valentin kommt kurze Zeit später auch nach Hause und trifft uns in einer besonderen, glücklichen und nicht ganz alltäglichen Stimmung an. Neugierig fragt er: “Was ist denn mit euch los?” Ich verkünde Valentin die Neuigkeit, doch der 8-Jährige reagiert darauf eher gelangweilt. Auf meine Frage hin erklärt er, dieses Thema interessiere ihn nicht sonderlich. Er brauche im Moment keine Freundin.
Mia macht sich schön
Beim Mittagessen hat Mia wenig Hunger. Sie verzieht sich mit der Erklärung nach oben, sie gehe sich jetzt schön machen, für Thommy.
Wenig später kommt sie herunter in einem langen rosafarbenen wunderschönen Prinzessinnenkleid. Sie braucht drei Anläufe, bis ihre Garderobe für Thommy im Kindergarten stimmt. In ihrem Zimmer ist ein riesiges Chaos.
Mia schnappt sich das Telefon und ruft ihren Thommy an. Sie macht mit ihm ab, dass er nach dem Nachmittagskindergarten (bei uns gehen die Kinder vormittags und nachmittags) zu ihr nach Hause kommt. Glücklich geht sie in den Kindergarten.
Als sie an mir vorbei rauscht, riecht es wie ein blühendes Blumenbeet.
Die grosse Enttäuschung
Nach dem KIndergarten springt die Türe auf. Ich erwarte zwei lachende lärmende Kinder, doch nichts dergleichen ist da.
Stattdessen steht da eine schluchzende kleine Mia, die die Welt nicht mehr versteht. ”Wir haben doch abgemacht und jetzt kommt er einfach nicht. Ich habe mich doch sooo gefreut! Warum ist er so?”
Nach einigen Fragen stellt sich heraus, dass Thommy offenbar ganz dringend nach Hause musste und nachher zu Mia kommen wolle.
Hartnäckig, doch furchtbar traurig fordert sie, dass er es doch versprochen hat und auch einhalten muss. Sie beschliesst, zu ihm nach Hause zu gehen und ihn abzuholen.
Nach einiger Zeit kommt sie erneut schluchzend heim. Die Tränen laufen. Ich versuche ihr zu erklären, dass Thommy vielleicht Angst bekommen hat. Mia schaut mich aufmerksam an.
Ich erkläre ihr, dass ich auch schon Angst bekommen habe, weil meine Gefühle so stark waren.
Mias Mitgefühl
“Der arme Thommy!” flüstert sie. Jetzt sind es zwei Gründe, warum sie weinen muss.
Zum einen, weil sie so enttäuscht ist und zum anderen, weil Thommy ihr so Leid tut. Ich versuche, sie mit einem Spiel abzulenken.
Als ich eine Woche später wieder bei meinen Enkeln bin, frage ich sie, wie es ihr denn jetzt mit Thommy geht und ob sie immer noch verliebt ist. “Nein, wir haben abgemacht, dass wir nicht mehr verliebt sind. Es ist sonst zu kompliziert.”
Meine Gedanken
Mia hatte tiefe Gefühle für ihren Freund Thommy. Sie war mächtig enttäuscht, dass dieser nicht zu ihr nach Hause kam, um mit ihr zu spielen. Sie konnte es einfach nicht verstehen. Das machte sie traurig. Noch trauriger aber machte sie der Gedanke, dass Thommy wegen ihr Angst gehabt haben könnte. Das wollte sie auf keinen Fall. Sie wusste, wie sich Angst anfühlt und sie war bereit, ihre eigenen Gefühle der Enttäuschung hinten an zu stellen. Hochsensiblen Menschen passiert das öfters. Sie stellen ihre eigenen Gefühle in Frage und verdrängen sie sogar, wenn es sich um einen geliebten Menschen handelt. Sie vergessen ihre eigenen Bedürfnisse und gehen ganz in dem Gedanken auf, sich auf den anderen Menschen einzulassen.
Ist ein solches Verhalten dem hochsensiblen Menschen nicht bewusst und verhält er sich immer wieder so, dann kann für ihn ein seelisches Ungleichgewicht entstehen.
Zum Glück hat Mia schon von klein auf gelernt, ihre Gefühle wahrzunehmen und über sie zu sprechen. Jetzt, in der Pubertät, sucht sie nach Lösungen und neuen Verhaltensmustern, die sie persönlich weiterbringen.
Das Dilemma und emotionale Widerstandsfähigkeit
Diese Beobachtung führt mich zu einem wichtigen Punkt: Hochsensible Kinder stehen oft vor einem inneren Dilemma. Die Geschichte von Mia zeigt nicht nur ihre hohe Empathiefähigkeit. Sie zeigt auch das innere Dilemma, das hochsensible Menschen oft erleben, wenn sie zwischen ihren eigenen und den Bedürfnissen anderer wählen müssen. Die Reaktion auf Thommys Fernbleiben zeigt deutlich, wie intensiv hochsensible Kinder Gefühle erleben und wie stark diese ihre Handlungen und Entscheidungen beeinflussen können. Diese Kinder reagieren oft auf eine Art und Weise, die ihr tiefes Einfühlungsvermögen und ihre emotionale Reife widerspiegelt. Als Eltern und Lehrpersonen ist es unsere Aufgabe, ihnen zu zeigen, wie sie ihre einzigartigen Fähigkeiten als Stärke nutzen können.
Das Erlernen emotionaler Widerstandsfähigkeit, auch Resilienz genannt, kann helfen, Enttäuschungen besser zu verarbeiten. Für hochsensible Kinder ist es enorm wichtig, dass sie Strategien lernen, die ihnen helfen, mit ihren intensiven Gefühlen konstruktiv umzugehen. Diese Strategien werden Coping-Strategien genannt.
Tipps für Eltern hochsensibler Kinder
1. Emotionale Unterstützung: Es ist wichtig, dass Eltern präsent sind, um ihre Kinder in den emotionalen “Hochs” und “Tiefs” zu begleiten. Zuhören und Annehmen, ohne zu bewerten, stehen dabei an erster Stelle. So lernen die Kinder, dass ihre Gefühle “richtig” sind.
2. Kommunikation fördern: Ermutigen Sie Ihr Kind, offen über seine Gefühle zu sprechen. Dies hilft ihm, emotionale Intelligenz zu entwickeln und seine eigenen Reaktionen besser zu verstehen.
3. Strategien zur Entspannung: Bestimmte Übungen können Ihrem Kind helfen, sich zu entspannen, wenn es überwältigt ist. Dies können Atemübungen, Zeit in der Natur oder das Spielen mit einem Haustier sein.
4. Grenzen setzen: Es ist wichtig, dass hochsensible Kinder lernen, ihre eigenen Grenzen zu erkennen und zu respektieren. Sie sollten ermutigt werden, Nein zu sagen, wenn sie sich unwohl fühlen. Helfen Sie Ihrem Kind, gesunde Grenzen zu setzen. Dies ist besonders wichtig für hochsensible Kinder, die dazu neigen, ihre eigenen Bedürfnisse zugunsten anderer zurückzustellen.
5. Stärken erkennen und fördern: Erkennen Sie die Stärken Ihres Kindes und fördern Sie diese. Hochsensible Kinder sind oft besonders kreativ, intuitiv und empathisch. Unterstützen Sie diese Fähigkeiten durch passende Aktivitäten und Hobbies.
6. Positive Selbstwahrnehmung fördern: Ermutigen Sie Ihr Kind, seine Stärken zu erkennen und zu schätzen. Dies kann sein Selbstbewusstsein stärken und ihm helfen, sich in herausfordernden Zeiten auf seine Resilienz zu verlassen.
7. Umgang mit Enttäuschung: Lehren Sie Ihr Kind, Enttäuschungen als Teil des Lebens zu sehen. Besprechen Sie, wie man aus solchen Erfahrungen lernen und wachsen kann.
8. Bücher und Geschichten: Bücher und Geschichten können helfen, ähnliche Situationen zu verstehen. Dies kann dazu beitragen, Empathie zu entwickeln und zu sehen, dass andere ähnliche Erfahrungen machen.
Das Wichtigste in Kürze
- Hochsensible Kinder erleben Freude und Enttäuschung oft sehr intensiv.
- Durch ihr grosses Mitgefühl stellen sie die Gefühle anderer manchmal über ihre eigenen.
- Sie dürfen lernen, dass ihre eigenen Bedürfnisse genauso wichtig sind.
- Erwachsene helfen ihnen, indem sie zuhören und unterschiedliche Gefühle nebeneinander stehen lassen.
- Geschichten können Kindern zeigen, dass andere Menschen ähnliche Erfahrungen machen.
Fragen, die mir dazu oft gestellt werden
Warum stellen hochsensible Kinder ihre eigenen Bedürfnisse manchmal zurück?
Hochsensible Kinder nehmen häufig sehr genau wahr, wie es anderen Menschen geht. Wenn sie spüren, dass jemand traurig ist oder Angst hat, kann dieses Mitgefühl so stark werden, dass ihr eigenes Gefühl in den Hintergrund rückt. Bei Mia wog der Gedanke an Thommys mögliche Angst plötzlich schwerer als ihre eigene Enttäuschung.
Wie können Eltern hochsensible Kinder bei starken Gefühlen begleiten?
Nimm die Gefühle deines Kindes ernst, ohne sie zu bewerten oder sofort eine Lösung anzubieten. Mia durfte traurig und enttäuscht sein und gleichzeitig Mitgefühl für Thommy haben. Du kannst deinem Kind zeigen, dass verschiedene Gefühle nebeneinander Platz haben: „Thommy hatte vielleicht Angst – und du bist trotzdem traurig, weil du dich so auf ihn gefreut hast.“
Wie lernen hochsensible Kinder, mit Enttäuschungen umzugehen?
Kinder lernen, mit Enttäuschungen umzugehen, wenn ihre Gefühle ernst genommen werden und sie Zeit bekommen, diese zu verarbeiten. Sie brauchen einen Menschen, der zuhört und aushält, dass es ihnen im Moment nicht gut geht. Später könnt ihr gemeinsam überlegen, was helfen könnte und was das Kind beim nächsten Mal braucht.
Abschliessend
Indem wir hochsensiblen Kindern helfen, ihre Emotionen zu verstehen und zu managen, geben wir ihnen die Werkzeuge an die Hand, die sie benötigen, um gesunde, erfüllte Erwachsene zu werden. Mias Geschichte bietet nicht nur Einblicke in die tiefen Gefühlswelten hochsensibler Kinder, sondern auch in die Chancen, die in dieser Empfindsamkeit liegen. Durch Unterstützung und Verständnis können diese Kinder lernen, ihre besonderen Gaben zu schätzen und zu nutzen.
Ich wünsche mir, dass Kinder wie Mia ihre Sensibilität als Geschenk erleben dürfen – und dass wir Erwachsenen sie darin bestärken.
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