So? – oder – so? – Hochsensible Kinder brauchen klare Ansagen und Grenzen

Ausgangssituation

Ich hatte wieder angefangen, als Lehrerin zu arbeiten. Ich fuhr sehr früh zur Schule und wir konnten es zum Glück so einrichten, dass mein Mann erst zur Arbeit fuhr, als die Kinder schon auf dem Weg zur Schule waren. 

An einer Sitzung traf ich die Kindergärtnerin meines jüngsten Sohnes Rafael. Sie fragte mich, ob es nicht möglich sei, ihn und seine Freundin Steffi etwas früher in den Kindergarten zu schicken. Sie kämen vermehrt erst auf die Pause und verpassten so den ersten Teil des Unterrichts. 

Irgendetwas stimmt da nicht....

Ich liess mir von den Kindern den von ihnen täglich benutzten Weg zeigen. Sie beteuerten mir glaubhaft, dass sie keine Umwege machten und immer den schnellsten Weg zum Kindergarten nahmen. Irgend etwas musste da doch faul sein! Da, kurz vor dem Kindergarten zweigten sie auf einen schmalen Weg ab, der sie auf eine kleine Wiese führte. Dort suchten sie Löwenzahnblätter, mit denen sie einen grossen Strauss machten. Dann führten sie mich zu einem Kaninchenstall. Sie fütterten die Tiere mit den frisch gepflückten Blättern und erklärten mir, dass diese Tierchen ohne ihre Fürsorge doch verhungern müssten. Auf dem Rest des Weges wurden Schnecken und Würmer gerettet. Fein säuberlich wurden diese vom Gehsteig weggenommen und in die anliegenden Gärten verteilt. Jetzt war also klar, weshalb die Kinder jeweils zu spät in den Kindergarten kamen. 

Wir erklärten den Kindern, dass sie pünktlich im Kindergarten eintreffen sollten. Steffi kam auch immer zeitgerecht zu uns und holte Rafael ab. Wieder traf ich die Kindergärtnerin. Auf meine Frage, ob die Kinder jetzt früher dran seien, antwortete sie: ”Ja, jetzt sind sie schon früher. Eigentlich zu viel früher. Sie kommen jetzt regelmässig viel zu früh.” 

So ist man immer pünktlich...

Auf unsere Nachfrage bei den Kindern kam folgendes heraus:

Steffi holte Rafael regelmässig zeitgerecht zu Hause ab. Dazu nahm sie ihr kleines rosarotes Fahrrad, mit dem sie 300 Meter zu uns fuhr und stellte dieses bei unserem Briefkasten ab. Mein Mann wartete, bis die Kinder auf dem Weg waren und fuhr dann mit dem Auto zur Arbeit. Die Kinder passten diesen Moment ab, rannten zurück zum Briefkasten und fuhren zu zweit auf dem kleinen Fahrrad zum Kindergarten. Dort versteckten sie ihr Vehikel in einem Gebüsch und waren singend und pfeifend die ersten Kinder, die den Kindergarten betraten.

Meine Gedanken

Viele hochsensible Kinder leben den Moment. Das bedeutet unter anderem, dass sie sich schnell ablenken lassen. “Was vorher war, ist unwichtig. Was jetzt ist, das zählt”. Ein solches Motto ist schön, wenn man seine Kreativität leben will. Muss man sich aber an Regeln halten, dann kann einen ein solches Motto in Schwierigkeiten bringen. Hochsensible Kinder müssen vermehrt und explizit lernen, sich an Regeln zu halten

Wie erklärt man dies einem hochsensiblen Kind, ohne Druck auszuüben oder Strafen zu verteilen? Diesen Kindern fehlt ein Filter beim Erleben von Reizen. Sie können Wichtiges nicht von Unwichtigem trennen. Ausserdem erleben sie sich selbst oft als “ich bin nicht richtig oder nicht gut", wenn sie kritisiert werden. Darum ist es wichtig, dass hochsensiblen Kindern auf eine liebevolle, jedoch sehr klare Art und Weise Grenzen gesetzt und auch kontrolliert werden. 

Rituale geben Sicherheit

Eine Art, Grenzen oder Regeln durchzusetzen sind Rituale. Rituale laufen immer gleich ab. Durch die Regelmässigkeit und Beständigkeit der Rituale entstehen Sicherheit und Halt. Die Rituale können auch gut dem Alter des Kindes angepasst und verändert werden.

Bei Steffi und Rafi haben wir auch ein solches Ritual angewendet.  Eine befreundete ältere Frau, die etwa in der Hälfte des Schulwegs unserer Kinder wohnte, sass nach dem Frühstück regelmässig am Fenster und begrüsste die vorbeigehenden Leute. Sie hiess Claire und sagte den Kindern jeden Morgen, wie viel Zeit ihnen noch bleibe, um rechtzeitig im Kindergarten zu sein. Auf diese Weise bekamen die Kinder eine Hilfe, dass sie die Regel einhalten konnten, rechtzeitig im Kindergarten zu erscheinen. 

Die Geschichte von Steffi und Rafael zeigt, wie kreativ und einfallsreich Kinder sein können, wenn es darum geht, die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Gleichzeitig sieht man auch, wie wichtig klare und verständliche Anweisungen für sie sind. Hochsensible Kinder wie Rafael und Steffi brauchen besondere Anweisungen und Erklärungen, um eine stimmige Balance zu finden zwischen ihrer Sensibilität und den Anforderungen des Alltags.

Die Bedeutung von klaren Ansagen und konsequenten Grenzen

Hochsensible Kinder benötigen nicht nur klare Ansagen, sondern sie müssen auch verstehen, warum bestimmte Regeln wichtig sind. Im Fall von Rafael und Steffi war das Einführen von Claire als “Zeitbestimmerin” eine gute Lösung. Sie half den Kindern, sich eigenständig zu regulieren, ohne dass sie das Gefühl bekamen, dass sie kontrolliert oder eingeschränkt wurden. Sie bekamen Struktur und gleichzeitig genug Freiraum, um ihrer Kreativität und ihren Bedürfnissen nachzugehen. Verhaltensänderungen bei hochsensiblen Kindern werden nicht durch Druck oder strenge Disziplin erreicht, sondern durch Verständnis, Geduld und kreative Lösungen.

Strategien zur Unterstützung von hochsensiblen Kindern

  • Einführung von Ritualen: Rituale helfen, Klarheit und Sicherheit zu schaffen. Dies sieht man ganz klar im Beispiel von Claire als “Zeitbestimmerin”. Rituale müssen weder starr noch in Stein gemeisselt sein. Man kann Rituale sehr gut dem Alter und den sich ändernden Bedürfnissen der Kinder anpassen.
  • Visualisierung von Zeit und Regeln: Visuelle Hilfsmittel helfen hochsensiblen Kindern, abstrakte Konzepte wie z.B. Zeit besser zu verstehen. Ein einfacher Timer oder eine Uhr, die zeigt, wieviel Zeit noch bleibt, kann sehr effektiv sein. In unserem Fall war es eine freundliche Nachbarin, die den Kindern mit ein paar lieben Worten weiter half.

  • Positive Verstärkung: Es ist viel effektiver, positives Verhalten zu verstärken, anstatt zu kritisieren oder Strafen zu verteilen. Das kann durch Lob, kleine Belohnungen oder einfach in Form von Anerkennung geschehen. Das motiviert die Kinder, Regeln weiterhin erfolgreich einzuhalten oder erwünschte Verhaltensweisen zu wiederholen.

  • Klare und einfache Kommunikation: Wenn zu viele Anweisungen auf einmal kommen, können hochsensible Kinder überfordert sein. Es ist wichtig, Anweisungen klar, einfach und direkt zu kommunizieren. Oft hilft es, die hochsensiblen Kinder direkt anzuschauen, mit ihnen direkt zu reden oder sie die Anweisung wiederholen zu lassen. 

  • Einbeziehen des Kindes in die Problemlösung: Kinder fühlen sich wertgeschätzt und respektiert, wenn sie in den Prozess der Problemlösung einbezogen werden. Dies fördert ihren Selbstwert und ihr Selbstbewusstsein. Fragen Sie das Kind, wie es das Problem lösen würde und arbeiten Sie gemeinsam an einer Lösung.

  • Sicherheit und Vertrauen schaffen: Es ist für hochsensible Kinder sehr wichtig, dass sie in einer sicheren und vertrauensvollen Umgebung leben. Sie müssen wissen, dass sie sich auf ihre Eltern und Lehrpersonen verlassen können, vor allem in neuen oder herausfordernden Situationen.

Abschliessend

Die Interaktion zwischen Rafael, Steffi und Claire ist eine kreative Möglichkeit im Umgang mit hochsensiblen Kindern. Ebenso die kreativen Lösungen, die angewendet wurden, um den Kindern zu helfen, pünktlich zu sein. Sie zeigen, dass es möglich ist, diese Kinder darin zu unterstützen, sich in einer immer komplexer werdenden Welt zurechtzufinden, ohne dass dabei ihre Sensibilität und ihre Kreativität unterdrückt werden. Dafür braucht es Respekt und Verständnis. Durch das Einführen von Ritualen und klaren Regeln können diese Kinder lernen, sich innerhalb eines gesellschaftlichen Rahmens zu bewegen, ohne ihre innere Sensibilität zu verlieren. Es ist unsere Aufgabe als Eltern und Lehrpersonen, sie dabei liebevoll zu unterstützen. Wir können ihnen Werkzeuge an die Hand geben. die sie benötigen, um in einer Welt erfolgreich zu sein, die oft lauter und fordernder ist, als sie es verkraften können. 

Hochsensible Kinder können lernen, sich selbst zu regulieren und sich dadurch in ihrer Umwelt zurechtzufinden. Dies stärkt nicht nur ihr Selbstvertrauen, sondern auch ihre Fähigkeit, mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen.

Über die Autorin

Antonia Müller

Ich heisse Antonia Müller. Ich wohne in der Ostschweiz in der Nähe von St.Gallen und dem Bodensee. Ich selber wie auch meine Kinder sind hochsensibel. Als Lehrerin habe ich über dreissig Jahre mit hochsensiblen Kindern gearbeitet. Es ist mir ein Herzensanliegen, dass Kinder unbeschwert und ohne Druck aufwachsen dürfen. Hochsensible Kinder haben ein Anrecht darauf zu lernen, wie sie ihre Gabe der Hochsensibilität sinnvoll und kreativ in ihr Leben integrieren können.

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